Ardoyne kommt nicht zur Ruhe

Zwei Nächte in Folge lieferten sich mehrere irische Jugendliche im Belfaster Stadtteil Ardoyne teilweise heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Nachdem es am Sonntag zu den schwersten Ausschreitungen der letzten 5 Jahre im Viertel aufgrund eines Aufmarsches der loyalistischen Oranjer Orden kam, griffen in den Nächten zu Montag und Dienstag hunderte Jugendliche die Polizei mit Steinen und Brandsätzen an.
Nach Polizeiberichten wurden auch zwei Häuser von Protestanten angegriffen.
In der fast dreistündigen Straßenschlacht in der Nacht zum Dienstag schaffte es die Polizei nur mit dem Einsatz von Wasserwerfern und mehreren Hundertschaften die Lage zu beruhigen.
Anscheinend hat es jedoch in der Nacht zum Mittwoch keine nennenswerten Vorkommnisse mehr gegeben.
Die irische Linkspartei „Sinn Féin“, welche für die Ausschreitungen am Rande der Oranje-Aufmärche die „Real IRA (RIRA)“ als Drahtzieher benannte, gibt nun kriminellen Jugendbanden die Schuld für die zwei Krawallnächte. Ein Vertreter der Partei sprach in einem Fernsehinterview davon, dass der Aufmarsch der Loyalisten nur eine Sache von Stunden sei und Abends wieder alle in ihrem Betten schlafen würden.

Interessant bei der Gesamtbetrachtung ist hier jedoch auch, dass der Einfluss von „Sinn Féin“ in gerade den sozial schlechter Gestellten Gegenden, wie auch Ardoyne, schwindet. Unter anderem eine hohe Arbeitslosigkeit und die Wohnungspolitik der Stadt(*) führen zu einer sehr großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Obwohl oder gerade weil „Sinn Féin“ nach wie vor die größte und stärkste irische Partei in Nordirland ist und dementsprechend stark in der Politik vertreten, ändert sich für viele zu wenig an der derzeitigen Situation. Immer mehr irische Jugendliche aus den Proletarischen Vierteln (wie auch Ardoyne) fangen an mit so genannten „Dissidenten-Gruppen“ zu sympathisieren, welche, wie die „Real IRA“ oder „Continuity IRA“, den bewaffneten Kampf gegen das britische Militär und die Polizei fortsetzen wollen um so die Vereinigung Irlands zu erzwingen, wie einst die (Provisional) IRA und „Sinn Féin“. Auch wenn der allergrößte Teil der Bevölkerung hinter dem friedlichen Kurs der politischen Lösung von „Sinn Féin“ und der damit verbundenen Entwaffnung aller paramilitärischer Gruppen steht, ist es doch in den letzten Jahren zu beobachten, dass der Einfluss der sog. „Dissidenten/Verräter“ wächst, besonders unter irischen Jugendlichen in sozial schlechter gestellten Stadtteilen.
Zumindest in Ardoyne sind die jahrelangen Bemühungen von „Sinn Féin“ und ihr sympathisierenden Bürgergruppen den Hass-Aufmärschen der Loyalisten friedlich zu begegnen, in Feuer und Benzin aufgegangen. Dies mit der oben kurz skizzierten sozialen Situation der Bewohner zu erklären oder wie es „Sinn Féin“ darstellt („Real IRA“ und/oder kriminelle Jugendliche) ist eine Frage des eigenen Standpunktes und Analyse der derzeitigen Zustände und Politik. Fakt ist aber, dass sich in den letzten Tagen an mehreren Orten Nordirlands gezeigt hat, dass sich die Wut auf die Verhältnisse, zumindest Anlass bezogen, weiterhin auf den Straßen entladen kann und sicherlich auch wird. Und genau dass ist es, was eigentlich alle, besonders „Sinn Féin“, nicht wollen: Eine Zunahme von Gewalt zwischen beiden Bevölkerungsteilen.

(*) Obwohl z.B. in Belfast extrem viele Wohnungen und Häuser leer stehen, vergibt der Staat oftmals diese erst nach Jahren an katholische Einwohner. Besonders sehr junge und sehr alte Menschen müssen am längsten (bis zu 12 Jahre) warten. Die Wohnungspolitik ist grad eines der wichtigsten Innenpolitischen Themen und führt zu besonders viel Unmut in der irischen Bevölkerung. Viele Jugendliche bekommen Kinder um somit das Recht zu haben sofort eine Wohnung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Zur Wohnungspolitik wird es aber in der nächsten Zeit auf jeden Fall hier noch mehr und ausführlicher geben!

Weitere Videos von den Riots der letzten Nächte:

youtube

Ulster TV


1 Antwort auf „Ardoyne kommt nicht zur Ruhe“


  1. 1 Riots im Norden Irlands vor und nach loyalistischen Paraden! « infovs Pingback am 16. Juli 2009 um 20:47 Uhr
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