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Festnahmen nach IRA-Anschlag

Nach den Schüssen auf Polizisten in der nordirischen Stadt Derry kam es in den vergangenen Tagen zu mehreren Hausdurchsuchungen. Dabei wurden mehrere Personen festgenommen, welche mittlerweile jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.
Im selben Zusammenhang wurde der Sprecher des „32 County Sovereignty Movement“ festgenommen und ebenfalls wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Das „32 CSM“ gilt als politischer Arm der „Real IRA“ und veröffentlicht regelmäßig Erklärungen der IRA.
Oft werden nach Anschlägen oder Aktionen der IRA willkürliche Hausdurchsuchungen durchgeführt und Verdächtige stundenlang, ohne Begründung, in Polizeigewahrsam festgehalten, oft ohne brauchbare Ergebnisse zu liefern.

Fernsehbeitrag zum Anschlag

In Belfast wurde in der Nacht zum Mittwoch ein „verdächtiges Paket“ durch die Armee kontrolliert gesprengt. Mehrere Häuser mussten evakuiert werden. Die vermutete Bombe war an einem Laternenpfahl befestigt und stellte sich im Nachhinein als ungefährlich heraus. Derartige Attrappen dieser Art halten in Nordirland regelmäßig mehrmals im Monat Polizei und Armee in Bewegung. Es wird vermutet das diese Attrappen oftmals von der IRA benutzt werden um auf der einen Seite zu zeigen dass sie könnten wenn sie wollten, auf der anderen Seite jeder Zeit in der Lage zu sein zu agieren, egal wie hoch die Polizeipräsenz und die Repression ist.

Inzwischen regt sich erster Widerstand gegen den anstehenden Besuch der Queen in Irland dieses Jahr. Mehrere irisch-republikanische Gruppen rufen zu Protesten auf und planen unterschiedlichste Aktionen. In diesem Zusammenhang gab es bereits erste Hausdurchsuchung in Newry.

In Belfast ist es in der vergangenen Nacht zu Zusammenstößen zwischen loyalistischen und irischen Jugendlichen gekommen. Die Polizei wurde beim Eingreifen mit Steinen, Feuerwerk und Brandbomben angegriffen.

Waffenfund und Paketbombe

In einem Wald im County Antrim (nördlich von Belfast) hat die Polizei mehrere versteckte und funktionstüchtige Rohrbomben gefunden. Bei der Durchsuchung einesWaldstücks wurde außerdem zahlreiche Munition und pyrotechnisches Material sichergestellt. Die Ermittlungen laufen in Richtung IRA. Schon in den vergangenen Monaten wurden immer wieder Waldverstecke dieser Art von der Polizei und Sondereinheiten der British Army ausgehoben. Wie so oft wird meist zeitgleich erklärt, mit solchen Razzien würde man der IRA einen empfindlichen Schlag versetzen. Realistisch betrachtet kann jedoch das derzeitige Arsenal der Real- und Continuity IRA, sowie weiteren irisch-republikanischen Gruppierungen höchstens geschätzt werden.

Nach dem letzten „Old Firm“-Derby in Glasgow hat Neil Lennon, Celtic-Trainer und aufgrund seiner irischen Herkunft Hass-Symbol für alle Loyalisten und loyalistischen Rangers-Fans, wiederholt eine verdächtiges Paket zugesand bekommen. Die Paketbombe mit Sprengstoff wurde in einer Poststation aus dem Verkehr gezogen. Erst vor ein paar Tagen wurde ihm schon ein Brief mit scharfer Munition geschickt. Aufgrund der irischen Wurzeln von Celtic und der vorwiegend katholisch-irischen Anhängerschaft aus der Arbeiterklasse Glasgows, werden Fans und Mitglieder des Vereins „Celtic Fc“ oft Opfer von rassistischen und anti-irischen Bedrohungen, Angriffen und Morden durch Loyalisten und/oder durch loyalistische Rangersfans.

Die Queen plant für dieses Jahr den Besuch von Irland. Dies soll der erste offizielle Besuch der Republik durch ein Mitglied der britischen Krone werden und selbstverständlich hält sich die Freude im irisch-republikanischen Lager darüber in Grenzen. Zwar würde der Besuch zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der Republik Irland und England beitragen und die Einladung der Königin durch die Republik müsse, trotz anderer Auffassung, akzeptiert werden, jedoch sei man in großer Sorge über das Verhalten der pro-britischen Unionisten und Loyalisten. Gerry Adams, Präsident von Sinn Fein und erst kürzlich gewählter Abgeordneter im irischen Parlament bereitet es zusätzlich Sorgen, dass dieser Besuch für viele Menschen im Land, welche jahrelang unter der Besatzung durch die Britten leiden mussten, nicht akzeptabel ist. Linke und irisch-republikanische Gruppen haben für den Queen-Besuch schon Widerstand angekündigt.

Unterdessen hat sich die IRA in Derry zu den Schüssen auf die Polizei bekannt. Dabei machte sie ausdrücklich klar dass bei dieser Aktion, anders als von Medien behauptet, keine Zivilisten gefährdet wurden. Die Volunteers der Einheit hätten gewartet bis alle Zivilisten den Anschlagsort verlassen hätten. Desweiteren wurde in der Erklärung die Bevölkerung angewiesen sich und ihre Kinder von allen Polizei- und Armeeeinheiten fern zu halten um Vorfälle dieser Art zu vermeiden.

Schüsse auf Polizisten

In der nordirischen Stadt Derry wurden Polizisten von bewaffneten Aktivisten der IRA angegriffen. Dabei wurde ein gestohlenes Auto benutzt um den Beamten des PSNI (Police Service of Northern Ireland) eine Falle zu stellen und diese damit anzulocken. Bei der Untersuchung des Autos kam es dann zu einem Schusswechsel, bei dem niemand verletzt wurde. „Belfast Telegraph“

In Derry werden anscheinend weitere sog. „Peacelines“ errichtet aufgrund der zunehmenden Gewalt an der Schnittstelle von loyalistischen und irischen Vierteln. In der Vergangenheit ist es wiederholt zu Ausschreitungen gekommen, oftmals nachdem loyalistische Jugendliche die irischen Viertel angegriffen haben.

In Belfast wurde ein katholische Kirche mit rassistischen, anti-irischen Parolen besprüht, nachdem in Schottland Celtic die Rangers aus dem Pokal geschossen hat. Loyalistische Paramilitärs nehmen Fußballspiele wiederholt zum Anlass für rassistische Aktionen, Angriffe und gezielte Morde

Irland hat gewählt

Irland hat gewählt und die Regierung für ihre Finanz- und Sozialpolitik abgestraft. Der, von vielen linken Kräfte herbeigesehnte, radikale Wechsel blieb selbstverständlich aus, doch die irische Linkspartei Sinn Fein kommt in der Republik auf beachtliche 10%. Interessant, denn war Sinn Fein (ehemals politischer Arm der IRA) doch bisher nur in Nordirland politisch relevant. Ein beachtlicher und notwendiger Erfolg mit der Aussicht nun in der Opposition zu beweisen, dass die Partei eine sinnvolle politische Alternative bieten kann und vielleicht bald auch in der Republik ähnlich erfolgreich sein wird wie im Norden.
Zwei interessante Artikel aus der jungen Welt: „Neues Personal“ und eine sehr interessante Einschätzung von Uschi Grandel über „Die Rückeroberung Irlands“ durch Sinn Fein.

Anfang

Nach langer Zeit, einigen Überlegungen und der ein oder anderen Ermutigung durch ein paar Genossen, ist nun doch die Entscheidung gefallen diesen Blog wieder zu beleben. Grund dafür sind natürlich die, nach wie vor interessanten, politischen Entwicklungen in Irland, aber auch die Notwendigkeit einer linken Betrachtung der aktuellen Situation und eine (kritische) Berichterstattung, welche in den bundesdeutschen Medien momentan nicht wirklich zu finden ist.
Ziel dieses Blogs ist es, weitestgehend über die relevanten politischen Entwicklungen in Nordirland zu berichten, Hintergründe zu erläutern und möglichst viele aktuelle Informationen aus Presse und Netz zur verfügung zu stellen.
Wir hoffen dass dieser Blog in Zukunft dem ein oder anderem Leser den aktuellen Konflikt veranschaulichen kann und dass wir es schaffen einen kontinuierlichen Informationsfluss zu liefern.
Fragen, Anregungen und Kritik sind erwünscht!

Newsflash

Aufregung um Paraden am Wochenende in Derry und Ardoyne

Mitglieder der loyalistischen Vereinigung „Aprentice Boys of Derry“ werden am nächsten Sonnabend mit vermutlich mehreren tausend Teilnehmern unter anderem durch irische Viertel in Ardoyne (Belfast) und Derry ziehen. Der größte Aufmarsch wird vermutlich durch die nordirische Stadt Derry von der Polizei begleitet und geschützt. Im Vorfeld des Aufmarsches sprach die Polizei von einer „kleinen Gruppierung“ von ca. 20 Personen, die planen würden den Aufmarsch mit Gewalt zu stören. Dabei gab es keine genauen Namensnennung, Fakt ist aber, dass sich die Polizei anscheinend momentan auch der Analyse der irischen Linkspartei „Sinn Fein“ anschließt, bei der die gewalttätigen Ausschreitungen der letzten Zeit immer von kleineren Gruppen sog. „Dissidenten“ angezettelt werden, bei denen sich die Masse dann beteiligt.
Des weiteren bezog sich die Polizei auf Ausschreitungen an Treffpunkten loyalistischer Gruppierungen Mitte Juli. Dabei gerieten irische und loyalistische Gruppen aneinander, Wurfgeschosse flogen und Molotovcoktails.

Real IRA warnt PSNI – Dritter Tatverdächtiger der Real IRA verhaftet

Die „Real IRA (RIRA)“ hat in Derry an Angehörige des PSNI. (Police Service of Northern Ireland) Briefe mit scharfer Munition verschickt. An sechs Angestellte einer Bank, welche Familienmitglieder von Angehörigen des PSNI sein sollen, wurden die Briefe an ihren Arbeitsplatz versand. Die Splittergruppe bekannte sich telefonisch dazu und nannte dies eine Reaktion auf die Bedrohung von Familien republikanischer Aktivisten durch die Polizei. In vergangener Zeit gab es häufiger Meldungen und Videos, auf denen Observationsmaßnahmen der Polizei dokumentiert worden waren.
In Derry gab es allein in den letzten drei Monaten über 700 willkürliche Straßenkontrollen der Polizei. In gefährlichen Gebieten bzw. potenzielle Terroristen kann von der Polizei jede Person ohne Grund auf der Straße kontrolliert werden.

Gestern wurde ein 51 jähriger Mann in Mid Ulster verhaftet und in Untersuchungshaft genommen, weil ihm die Polizei vorwirft an Anschlägen der „Real IRA (RIRA)“, u.a. auf die britischen Militärkaserne, bei denen 2 Soldaten erschossen wurden, beteiligt gewesen zu sein. Er ist mittlerweile der dritte Tatverdächtige. Kritiker und Angehörige werfen der Polizei vor, willkürlich bekannte republikanische Aktivisten zu verhaften, wie zum Beispiel
Colin Mc Duffy.

Polizei will Kasernen schließen

Der PSNI beabsichtigt, in den nächsten zwei Jahren, 40 der 108 Polizeistationen in Nordirland zu schließen. Nach Auflösung der IRA, der Entwaffnung, dem Rückgang der politischen Gewalt und letztendlich der immensen Kosten sieht man keinen Grund mehr viele der, oftmals nur teilweise geöffneten, Polizeistation weiter zu unterhalten. Das loyalistische Lager ist etwas uneins über die Entscheidung. Viele fürchten, dass Gruppierungen wie die IRA-Splittergruppen durch die Schließungen besser operieren könnten, auf der anderen Seite wird die Schließung wegen der Kosten befürwortet, solange es „Alternativen“ gäbe.

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Aktueller Artikel der Zeitung „junge Welt“:
»Die Friedensdividende ist ausgeblieben«
Irland: Wachsende Kritik an der Politik Sinn Feíns. Prominente Mitglieder verlassen die Partei
Von Samuel Stuhlpfarrer
Zu ihrem Austritt aus der irischen Linkspartei Sinn Feíin bemerkte Louise Minihan: »Jahrelang habe ich meine Sorge um den Kurs der Partei innerhalb Sinn Feíns geäußert. Wie Tausende Republikaner vor mir bin ich nun zum Schluß gekommen, daß der Kampf um das Herz von Sinn Feín verloren ist.« Der Bruch mit ihrer republikanischen Organisation war der Stadtverordneten in Dublin, ein ehemaliges Mitglied des Parteivorstands, Ende Juli ganz offensichtich schwergefallen, obwohl vorher bereits einige andere Sinn Feín-Aktivisten die Organisation verlassen hatten. Unter ihnen befanden sich mit John Dwyer und Christy Burke langgediente Stadtverordnete aus Wexford und Dublin.

Hier weiterlesen

Filmtip

Eine kleine Empfehlung am Rande: Eine 1-stündige Doku, sehr gutes Filmesmaterial, über die Geschichte der IRA und den Nordirlandkonflikt. Zwar von BBC gemacht, trotzdem ganz gut als kleinen Überblick, für alle die zu Faul sind zum lesen ;-)
Soldiers

Download via Serienjunkies.org per Rapidshare

South Fermagh teilweise ohne Polizei – Ardoyne bleibt friedlich

Die Lage in Ardoyne hat sich offenbar vorerst beruhigt. Zumindest gestern Nacht gab es keine weiteren Ausschreitungen. Vermutlich hat die Freilassung der beiden Männer, die im Zusammenhang mit den Schüssen am Sonntag verhaftet wurden, die Situation vorerst nicht weiter zuspitzen lassen. In den letzten fünf Tagen lieferten sich jede Nacht mehrere hundert irische Jugendliche die schwersten Straßenschlachten in Belfast seit fünf Jahren.
Die irische Linkspartei „Sinn Féin“ gibt weiterhin „Dissidenten“ aus dem Umfeld der „Real IRA (RIRA)“, der sozialistischen Partei „Eirigi“, „Republican Sinn Féin“ und anderen Gruppen, welche eine bewaffneten Widerstand befürworten (sollen), die Schuld an den Ausschreitungen.
Gerry Kelly, Abgeordneter von „Sinn Féin“ aus dem Belfaster Norden erklärte im Belfast Telegraph
anlässlich einer Morddrohung gegen ihn, dass Gruppen von jugendlichen „Dissidenten“ jede Nacht nach Ardoyne kommen würden und dort das zusammenleben der Menschen stören.

Unterdessen gibt es eine Anweisung der Polizei, dass bestimmte Regionen südlichen Teil des Staates Fermagh von Polizisten nur noch mit dem Hubschrauber betreten werden. Zu hoch sei die Gefahr von Anschlägen auf Polizisten oder Polizeifahrzeuge. Diese Teile von „South Fermagh“ sind nun praktisch in der Hand der „Continuity IRA (CIRA)“, welche auch vergangene Woche an der Grenze zu Irland einen nächtlichen „Checkpoint“ eingerichtet hat und Fahrzeuge kontrollierte. In den vergangenen Jahrzehnten hatten die Checkpoints der IRA den Sinn die katholische Bevölkerung vor Übergriffen seitens der Protestanten bzw. Polizei- und Armeeeinheiten zu schützen. Trotz des symbolischen Charakters dieser Aktionen schafft es die „Continuity IRA (CIRA)“ durch derartige Aktionen (siehe auch CIRA-Volunteer bei den Riots am Sonntag) eine No-Go-Area für die Polizei in manchen Gebieten zu schaffen.
Protestanten fordern mittlerweile, bedingt durch Übergriffe auf protestantische Häuser, wieder das Militär in der Region einzusetzen.
Bleibt abzuwarten wie sich die Situation in „South Fermagh“ entwickelt. Praktisch ist das was nun offiziell von der Polizei als „No-Go-Area“ deklariert wurde schon seit Monaten existent.

Noch eine Mitteilung in eigener Sache:
Falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass peacelines.blogsport.de ein „Riotporn“-Blog ist, weisen wir darauf hin, dass die berichtenswerten Vorkommnisse der letzten Tage und der Start dieses Blogs zufällig aufeinander gefallen sind. Unser Ziel ist es, auf der einen Seite aktuell und auch durchaus kritisch über die Vorkommnisse zu berichten, auf der anderen Seite wollen wir auch inhaltlich die historischen Aspekte des Nordirlandkonfliktes aufarbeiten. Dazu werden wir in naher Zukunft den ersten Themenkomplex vorstellen.

Razzien, Verhaftungen und wieder Ausschreitungen in Ardoyne

Ardoyne

Nachdem sich die Lage im Belfaster Stadtteil Ardoyne in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch beruhigt hatte und es zu keinen weiteren Ausschreitungen kam, gab es am Mittwoch morgen mehrere Razzien im Viertel. Bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei stürmten mehrere Häuser. Auslöser der Durchsuchungen waren Schüsse auf Polizeibeamte während der Unruhen am vergangenen Wochenende, als mehrere hundert Jugendliche versuchten den Aufmarsch der loyalistischen Oranje Orden durch ihr Viertel zu verhindern.
Während der Razzien kam es zu willkürlicher Gewalt gegen nicht Beschuldigte, so wurden mehrere Personen von den Polizisten in ihren Wohnhäusern geschlagen und eine schwangere Frau wurde mit einem Teaser beschossen.
Ein 30 jähriger Mann wurde als Beschuldigter festgenommen. Auf einem Video ist zu sehen wie er von mehreren Polizisten aus seinem Haus getragen wird.

raid

Freunde und Anwohner hielten daraufhin eine Spontankundgebung vor der Polizeikaserne ab, in welcher der Beschuldigte inhaftiert wurde.
In der Nacht kam es dann zu Ausschreitungen, bei welchen sich, wie in den anderen beiden Nächten, wieder hunderte Jugendliche mit der Polizei stundenlange Straßenschlachten lieferten, Molotovcoktails schmissen und Autos in Brand steckten.
2 Jugendliche wurden festgenommen.
Heute morgen wurde bei einer weiteren Razzia ein Mann verhaftet, der auch im Zusammenhang mit den Schüssen am Sonntag beschuldigt wird. Beide Männer sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Ardoyne kommt nicht zur Ruhe

Zwei Nächte in Folge lieferten sich mehrere irische Jugendliche im Belfaster Stadtteil Ardoyne teilweise heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Nachdem es am Sonntag zu den schwersten Ausschreitungen der letzten 5 Jahre im Viertel aufgrund eines Aufmarsches der loyalistischen Oranjer Orden kam, griffen in den Nächten zu Montag und Dienstag hunderte Jugendliche die Polizei mit Steinen und Brandsätzen an.
Nach Polizeiberichten wurden auch zwei Häuser von Protestanten angegriffen.
In der fast dreistündigen Straßenschlacht in der Nacht zum Dienstag schaffte es die Polizei nur mit dem Einsatz von Wasserwerfern und mehreren Hundertschaften die Lage zu beruhigen.
Anscheinend hat es jedoch in der Nacht zum Mittwoch keine nennenswerten Vorkommnisse mehr gegeben.
Die irische Linkspartei „Sinn Féin“, welche für die Ausschreitungen am Rande der Oranje-Aufmärche die „Real IRA (RIRA)“ als Drahtzieher benannte, gibt nun kriminellen Jugendbanden die Schuld für die zwei Krawallnächte. Ein Vertreter der Partei sprach in einem Fernsehinterview davon, dass der Aufmarsch der Loyalisten nur eine Sache von Stunden sei und Abends wieder alle in ihrem Betten schlafen würden.

Interessant bei der Gesamtbetrachtung ist hier jedoch auch, dass der Einfluss von „Sinn Féin“ in gerade den sozial schlechter Gestellten Gegenden, wie auch Ardoyne, schwindet. Unter anderem eine hohe Arbeitslosigkeit und die Wohnungspolitik der Stadt(*) führen zu einer sehr großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Obwohl oder gerade weil „Sinn Féin“ nach wie vor die größte und stärkste irische Partei in Nordirland ist und dementsprechend stark in der Politik vertreten, ändert sich für viele zu wenig an der derzeitigen Situation. Immer mehr irische Jugendliche aus den Proletarischen Vierteln (wie auch Ardoyne) fangen an mit so genannten „Dissidenten-Gruppen“ zu sympathisieren, welche, wie die „Real IRA“ oder „Continuity IRA“, den bewaffneten Kampf gegen das britische Militär und die Polizei fortsetzen wollen um so die Vereinigung Irlands zu erzwingen, wie einst die (Provisional) IRA und „Sinn Féin“. Auch wenn der allergrößte Teil der Bevölkerung hinter dem friedlichen Kurs der politischen Lösung von „Sinn Féin“ und der damit verbundenen Entwaffnung aller paramilitärischer Gruppen steht, ist es doch in den letzten Jahren zu beobachten, dass der Einfluss der sog. „Dissidenten/Verräter“ wächst, besonders unter irischen Jugendlichen in sozial schlechter gestellten Stadtteilen.
Zumindest in Ardoyne sind die jahrelangen Bemühungen von „Sinn Féin“ und ihr sympathisierenden Bürgergruppen den Hass-Aufmärschen der Loyalisten friedlich zu begegnen, in Feuer und Benzin aufgegangen. Dies mit der oben kurz skizzierten sozialen Situation der Bewohner zu erklären oder wie es „Sinn Féin“ darstellt („Real IRA“ und/oder kriminelle Jugendliche) ist eine Frage des eigenen Standpunktes und Analyse der derzeitigen Zustände und Politik. Fakt ist aber, dass sich in den letzten Tagen an mehreren Orten Nordirlands gezeigt hat, dass sich die Wut auf die Verhältnisse, zumindest Anlass bezogen, weiterhin auf den Straßen entladen kann und sicherlich auch wird. Und genau dass ist es, was eigentlich alle, besonders „Sinn Féin“, nicht wollen: Eine Zunahme von Gewalt zwischen beiden Bevölkerungsteilen.

(*) Obwohl z.B. in Belfast extrem viele Wohnungen und Häuser leer stehen, vergibt der Staat oftmals diese erst nach Jahren an katholische Einwohner. Besonders sehr junge und sehr alte Menschen müssen am längsten (bis zu 12 Jahre) warten. Die Wohnungspolitik ist grad eines der wichtigsten Innenpolitischen Themen und führt zu besonders viel Unmut in der irischen Bevölkerung. Viele Jugendliche bekommen Kinder um somit das Recht zu haben sofort eine Wohnung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Zur Wohnungspolitik wird es aber in der nächsten Zeit auf jeden Fall hier noch mehr und ausführlicher geben!

Weitere Videos von den Riots der letzten Nächte:

youtube

Ulster TV